2. Lesbische Liebe in den Zeiten von Aids
Über lesbische Liebe wird viel geredet, noch mehr fantasiert. Eine Lesbe hat niemals Sex mit Männern, nimmt keine Drogen und hat deshalb auch nichts mit HIV und AIDS zu tun. Latex? Vielleicht als Kleidung, aber nicht zum Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten, so meinen viele. Und wie ist lesbischer Sex? Ganz harmonisch eben, überaus sanft und sehr kuschelig. Liebesbeziehungen zwischen Frauen sind außerdem immer monogam, keine Lesbe lebt promisk.
Was Lesben und Liebe zwischen Frauen angeht, gibt es jede Menge Tabus und Klischees. Auch innerhalb unserer Szene. Die Art, wie Lesben ihre Sexualität leben, wird auch hier einer Bewertung unterzogen. Über die Wirklichkeit der frau-fraulichen Liebe wird nicht offen geredet, sondern viel lieber "vertraulich" und entsprechend genüsslich gelästert.
In der angeblich so toleranten Lesbenszene wird meist nur die monogame Zweierbeziehung anerkannt. Aber was ist mit den Lesben, die manchmal oder immer anders l(i)eben? Tabus und Klischees, Lästern und Verurteilen führen oft zu Scham- und Schuldgefühlen, behindern damit überlegtes Handeln.
Wenn "es" ihr einmal - oder öfter - "mit anderen Frauen passiert", dann völlig unvorbereitet. Weil über Safer Sex nie oder nur selten, und dann auch nur im privaten Kreis geredet wird, ist in solch einer Situation guter Rat teuer. Letztlich siegen die Gefühle - Romantik, Faszination, Aufregung - über den Verstand. An HIV und AIDS, an andere sexuell übertragbare Krankheiten wird nicht mehr gedacht.
Ob, wann, wie und mit wem frau Sex hat, ob mit Frauen oder vielleicht auch mit Männern, ob zu zweit oder zu mehreren, ist nicht so wichtig. Wichtig ist, dass frau es so tut, wie sie es will. Manche bezeichnen sich als Lesben, haben aber trotzdem ab und zu Sex mit Männern. Wer hier bewertet, grenzt aus und teilt uns Lesben in "Gute" und "Schlechte" ein.
Eine "richtige" Lesbe ist eine Frau, die
>> noch nie Sex mit Männern hatte
>> in mindestens zehn Politgruppen aktiv ist
>> Feministin ist
>> sich sozial engagiert
>> nur im Frauenbuchladen ihre Bücher kauft
>> nur an Frauenaktivitäten teilnimmt
>> nur in Frauenkneipen, -cafés und -restaurants geht
>> keine heterosexuellen Freundinnen hat
>> mit Männern nur das Nötigste redet
>> alles, was sie zum Leben braucht, bei Frauen einkauft
Eine Lesbe, die diesem Bild entspricht, gibt es nicht. Viele Lesben haben eine heterosexuelle Vergangenheit, haben heterosexuelle Freundinnen und Freunde, weibliche und männliche Arbeitskollegen, manch eine schläft auch mit Männern. Trotzdem bezeichnen sie sich alle als Lesben.
Wie Sexualität gelebt wird, ist ein Tabu. Sex ist etwas Privates, spielt sich in trauter Zweisamkeit hinter verschlossenen Türen ab. Wo und wann kann frau schon frei und offen über Sexualität reden?
Frauen haben angeblich keine eigene, von Männern unabhängige Sexualität. Ihre Sexualität wird in der Gesellschaft an dem gemessen, was Männer anmacht. Deshalb seien Frauen auf den penetrierenden Sex fixiert. Dieses Klischee kann für Frauen, die Sex mit Frauen haben, zum Problem werden. Da Erziehung, Werbung, Film und Literatur von heterosexuellen Leitbildern beherrscht sind, gibt es für (vor allem junge) Lesben im Coming-Out kaum Orientierungshilfen für das frau-frauliche Sexualleben. Viele müssen deshalb für sich "das Rad neu erfinden".
Hinzu kommt, dass lesbischer Sex grundsätzlich als "safe" gilt. Wenn frau dieser Meinung anhängt, denkt sie beim Sex weder an HIV und AIDS noch an andere STDs. Bedenkenlosigkeit ist das eine Extrem in der lesbischen Gemeinschaft, Panikmache mit totaler Latexfixierung das andere. Und dazwischen gibt es viele Nuancen.
Ebenso unterschiedlich werden in unseren Szenen sexuelle Vorlieben und das Praktizieren/Nichtpraktizieren von Safer Sex bewertet. Egal, wie frau zu diesem oder jenem steht: Sexualität sollte eigenverantwortlich gelebt werden. Jede von uns sollte ihr persönliches Sicherheitsbedürfnis klären und herausfinden, was Safer Sex für sie heißt. Vor allem sollten wir uns an der Vielfalt lesbischen Lebens erfreuen und uns so akzeptieren, wie wir sind.
Fortsetzung: 3. Zur Übertragbarkeit von HiV