Hinduismus ist mit ca. 800 Mio. Anhängern drittgrößte Religionsgruppe und hat ihren Ursprung auf dem indischen Subkontinent. Der Hinduismus ist keine einheitlich organisierte Religionsgemeinschaft, sondern eine Gemeinschaft vieler Religionsgemeinschaften mit ähnlicher Grundlage und Geschichte. Der Hindu sucht sich aus vielen Göttern (ca. 3 Mio.) seinen persönlichen Gott heraus. Es gibt kein Glaubensbekenntnis, keinen als einheitliche Person oder Kraft aufgefassten Gott und keinen Religionsstifter. Es gibt auch keine kanonisierte Schriftensammlung, die alleingültig ist oder als vollständig gilt. Eine zentrale Institution wie der Vatikan fehlt völlig. Dennoch haben religiöse Lehrer (Gurus) und Priester einen großen Stellenwert für den persönlichen Glauben.
Der Hinduismus ist eine Verschmelzung von zwei verschiedenen religiösen Systemen, die im Laufe der Zeit zu einer Einheit wurden: die altindische Religion und die Religion der aus dem Norden eingewanderten Arier. Die Urbevölkerung Indiens, deren Geschichte weitgehend im Dunkeln liegt, wurde im Laufe der Zeit immer weiter in den Süden verdrängt. Aus dieser Kultur stammen Elemente wie die Verehrung weiblicher Göttinnen, heiliger Tiere und der Phalluskult (Lingam). Im Rigveda (ca. 1200 v.Chr.) der Arier hingegen werden die Götter als personifizierte Naturkräfte beschrieben, die Texte erzählen von Gold, Rindern und Kämpfen.
In der nächsten Entwicklungsstufe (ca. 800 v.Chr) erhielt die Brahmanenkaste durch komplizierte Rituale einen hohen Grad an Einfluss. Seit 500 v.Chr. erfuhr der Hinduismus (damals als Brahmanismus bezeichnet) seine bis heute überlieferte wesentliche Ausgestaltung. Die Sprache der Überlieferung war Sanskrit, eine indogermanische Sprache, verwandt mit dem Latein. Als Hauptgötter galten nun Brahma, Vishnu und Shiva und es wurden Tempel gebaut, Götterstatuen aufgestellt und viele Kult- und Weihehandlungen entstanden. Seit dem 4. Jh v. Chr. verlor der Hinduismus durch den Buddhismus zwar Anhänger, er ging jedoch nie ganz unter und wurde erst im 4. Jh. von den damaligen Königen wieder bevorzugt. Seit dem 8. Jh. wurde der Hinduismus auch teilweise durch den Islam verdrängt und der Sikhismus entstand, sowie monotheistische Tendenzen.
Die Rolle der Frau im Hinduismus hat über die Jahrhunderte und Jahrtausende eine kontinuierliche Entwicklung durchgemacht und muss immer auch im Zusammenhang mit den jeweiligen Lebensumständen gesehen werden. Einige Hymnen der Rigveda wurden von Frauen geschrieben, und in der Brhadaranyaka Upanishad finden wir einen Dialog zwischen der gelehrten Tochter von Vachaknu Gargi und Yajnavalkya. Aus dieser Zeit ist auch die Sitte des Svayamvara überliefert, wörtlich Selbstwahl: Frauen am Könighof werden nicht einfach verheiratet, sondern wählen den Bräutigam aus den in Frage kommenden Kandidaten selbst aus.
Ein zentrales Ritual, das Upanayana (Initiationsritus für Knaben) ist von frühester Zeit an jedoch Männern vorbehalten. Es ist dieser (den oberen Kasten vorbehaltene) Ritus, der einen Menschen zum Dvijati (Zweimalgeborenen) werden lässt. Nach der natürlichen Geburt stellt das Upanayana die kulturelle Geburt dar.
Kaum ein Text ist so aufschlussreich für die Rolle der Frau im neueren Hinduismus wie das Ramayana, der Geschichte von Rama und Sita. Sita wurde von dem Dämonen Ravana entführt und in Lanka festgehalten. Mit Hilfe Hanumans konnte sie befreit werden und zu Rama zurückgebracht werden. Dieser zweifelte jedoch an der Treue seiner Frau und erreichte, dass Sita sich einer Feuerprobe unterzog: sie stieg auf den Scheiterhaufen und wurde jedoch aufgrund ihrer Unschuld an Rama zurückgegeben. Im letzten (später angefügten) Buch des Ramayana wird Rama erneut misstraurisch, er verstößt sie und sie gebiert Zwillinge in der Einöde Valmiki. Dort zieht sie ihre (und Ramas) Söhne auf. Rama fordert Jahre später Sita erneut im Beisein der Götter zu einem Schwur auf. Sita beteuert, sie habe nie an einen anderen Mann gedacht und bittet Mutter Erde ihren Schoß für sie zu öffnen. Ein Thron erscheint und Sita entschwindet in den Himmel. Rama gibt daraufhin die Herrschaft an seine Söhne ab und wird im Himmel mit Sita vereint. Sita gilt auch heute noch als Inbegriff der treuen Ehefrau und Rama als moralisches Vorbild. Trotz seines Misstrauens, das so fatale Konsequenzen für Sita hatte, wirft dies keinen negativen Schatten auf das Rama-Bild. Sita rebelliert nicht gegen die ungerechte Behandlung, sie erduldet sie.
Insbesondere in der älteren Indologie findet man Einschätzungen wie z.B. "die Frauen wurden in Indien mit größerem Respekt behandelt als in anderen antiken Kulturen." Professor H.H. Wilson sagte, dass man mit Zuversicht feststellen könne, dass in keiner anderen antiken Nation die Frauen in so großer Achtung standen wie bei den Hindus. Bei diesen Aussagen ist zu berücksichtigen, dass früher Aussagen in alten Texten oftmals leichtfertig als Indiz für die soziale Realität betrachtet wurden. Es erscheint ratsam, die Schlussfolgerungen mit einer gewissen Skepsis zu betrachten.
84% der Bevölkerung Indiens bekennen sich zum Hinduismus. Somit prägen die damit verbundenen Werte und Normen das Land entscheidend. Interessant und widersprüchlich gestaltete sich das Verhältnis der Religion zu Fragen der Sexualität. In Zeiten allgemeiner Homophobie wird im heutigen Indien – insbesondere unter dem Einfluss des religiösen Fundamentalismus - des Öfteren behauptet, dass den großen auf dem Boden Indiens entstandenen Religionen Homosexualität fremd sei, und dass der Islam oder der Westen "diese Krankheit" auf den Subkontinent gebracht hätten. Homosexualität wird sogar in die Nähe krimineller Aktivitäten gestellt, für dessen Ausmerzung der Staat (Artikel 377 des indischen Strafgesetzbuches) Sorge zu tragen habe. Jedoch muss dem entgegen gehalten werden, dass sich diese Religionen diesbezüglich nie besonders hervorgetan haben.
Wie Hindu-Fundamentalisten zugeben müssen, stellt der Hinduismus ein äußerst komplexes Gebilde von religiösen Praktiken und Glaubensvorstellungen dar. Er umfasst unterschiedliche soziale Entwicklungen und Haltungen. In seinen Ursprüngen lassen sich so auch verschiedene gleichgeschlechtliche erotische Handlungen nachweisen, auch wenn sie meist Ausdruck von hierarchischen Machtverhältnissen waren.
Vanita arbeitete eine wichtige Tendenz im Hinduismus heraus, wonach die unterschiedlich geschlechtliche, monogame Beziehung nicht die Norm des menschlichen Lebens darstelle, sondern dass die Schriften und die mündlichen Legenden diesbezüglich vielfältige Formen erwähnen. Die zahlreichen Geschichten aus der hinduistischen Götterwelt sind reich an gleichgeschlechtlichen erotischen Abenteuern, Geschlechtsumwandlungen oder Ideen von einem dritten Geschlecht.
Als wichtigste Anhaltspunkte dieser Tendenz im Hinduismus gelten die androgynen und oftmals mehrdeutigen Formen und Verhaltensweisen der beiden Hauptgötter Shiva und Vishnu und die Darstellung einer liebeähnlichen Beziehung zwischen Krishna und Arjuna. So ist zum Beispiel bekannt, dass Vishnu eine weibliche Form als Mohini angenommen hatte, um mit Shiva eine Verbindung eingehen zu können. Als der wohl erotischste gleichgeschlechtliche Akt gilt die Zeugung von Kartikeya. Ihre Zeugung wurde für notwendig gehalten, da Shiva und seine Gattin Parvati kinderlos geblieben waren. Shiva war erst durch die Verbindung mit dem männlichen Feuergott Agni zur Zeugung eines Nachkommens fähig, als dieser den Samen Shivas aufnahm. Dass auch Krishna und Arjuna sich sehr zugeneigt waren, ist allenthalben bekannt. In einer Legende verwandelte sich Arjuna in eine Frau, um das "Geheimnis der Geheimnisse" mit Krishna teilen zu können. Trotz dieser notwendigen Verwandlung blieb in der Legende eine quasi homosexuelle Erfahrung erhalten, da sich Arjuna zurück verwandelte und Krishna ihm auftrug, "mit niemandem über dieses Geheimnis zu reden."
An anderen Stellen wurde das so genannte dritte Geschlecht als notwendig für das Gleichgewicht der Welt gehalten. Hijras, wie Transsexuelle im heutigen Indien genannt werden, galten hierbei als wichtige Mittler zwischen der Macht der Götter und den Menschen. Sie standen zwar außerhalb der sozialen Ordnung, doch verfügten sie über Mächte, mit denen sie den Gang dieser Ordnung beeinflussen konnten.
Die Feststellung von Sharma, wonach es in den Schriften wenig Beweise dafür gibt, dass Homosexualität weit verbreitet war, kann also auch dahingehend interpretiert werden, dass es im alten und mittelalterlichen Indien nicht thematisiert und kaum als "Problem" angesehen wurde. Strafen wurden, wie im Arthashastra, auch bei ungemäßem sexuellem Verkehr mit Tieren, Jungfrauen, Frauen im Wasser und menstruierenden Frauen verhängt. Manchmal fielen die Strafen bei gleichgeschlechtlichem Verkehr (Vanita) geringer aus. Dalits (so genannte Unberührbare) waren z.B. von diesen Strafen "automatisch" ausgenommen, da sie doch möglicherweise ihre Kastenzugehörigkeit gerade durch ungemäßes sexuelles Verhalten, wie Analverkehr, im vorherigen Leben verloren hatten.
Die Idee eines selbst bestimmten autonomen homosexuellen Lebens, das für alle gesellschaftlichen Klassen und Kasten gleichermaßen gilt, ist hingegen eine Erfindung der westlichen Moderne. Sie hat sich bislang im Hinduismus nicht entwickeln können. Stattdessen müssen junge Hindus vor allem ihren familiären Pflichten nachkommen, um das Weiterbestehen ihrer Familie zu sichern. Homosexualität wird somit auch als eine Gefahr verstanden, die diese traditionelle soziale und politische Ordnung aufweicht. Auch wenn viele Homosexuelle in dieser Ordnung gefangen bleiben, gibt es in der Religion, im Einzelfall die Möglichkeit, diesen Pflichten zu entgehen, und somit das Potential zu einer progressiven Interpretation. Die religiösen Feste, die vielen der genannten Legenden zugrunde liegen, dienen in diesem Zusammenhang auch dem Ausleben von sexuellen Praktiken.
Wie auch immer, das Wechselverhältnis zwischen Religion und Homosexualität gestaltet sich in Indien in einer äußerst spannenden und widersprüchlichen Weise. Eine Unterdrückung von sexuellen Minderheiten lässt sich durch religiöse Argumente nicht begründen. Einfache Antworten, so wie der indische Staat sie bei der Verhaftung von vier AIDS-Aktivisten im Sommer 2001 gegeben hatte, konnten die Religionen in Indien somit nicht gelten lassen. Vielmehr wurde deutlich, dass die eigentlichen Fragen, die die hindunationalistische Regierung aufwarf, nicht bestimmte sexuelle Praktiken betrafen, sondern sich vor allem gegen die Ideen von Gleichheit und Individualität richteten.
Quellen: aus einer überarbeitete Version des Erstabdrucks von amnesty international, MeRSI: Weltreligionen und gleichgeschlechtliche Liebe, Berlin: 2002 und anderen Texten aus dem Internet.