In zahlreichen Ländern gilt es als ein Verbrechen, nicht heterosexuell zu sein. Wo Menschen wegen ihrer sexuellen Identität diskriminiert werden, ist der Weg zu Hass, Gewalt und Folter nicht mehr weit.
Sierra Leone
„Silence creates vulnerability“ – Im Kampf für die Rechte von Homo- und Bisexuellen
FannyAnn Eddy, eine weltweit bekannte und anerkannte Gay-Aktivistin, die sich besonders in ihrer Heimat Sierra Leone für die Rechte Homosexueller eingesetzt hat, wurde in der Nacht vom 4. auf den 5. Oktober 2004 in den Geschäftsräumen der von ihr gegründeten Sierra Leone Lesbian and Gay Association (SLLAGA) ermordet aufgefunden. Ihre Mörder sind in das Gebäude der SLLAGA eingedrungen, als niemand außer ihr dort war. Auf brutale Art und Weise hat man ihr das Genick gebrochen. Besonders die Brutalität des Mordes hat die gesamte Homosexuellen-Bewegung in Sierra Leone in einen Schockzustand versetzt.
„I hope to see more women being liberated or stand for what they believe in and hope to see a universe free of discrimination, torture and violence”, gab sie in einem Interview auf der Internetseite „Behind the Mask”, die als Forum für Schwule und Lesben in Afrika dient, zu verstehen. Dieser Mission hat sich ihre Organisation angenommen, indem sie konsequent jegliche Form von ungerechtfertigten Übergriffen auf Schwule und Lesben in Sierra Leone dokumentiert und Opfern von solchen Übergriffen soziale und psychologische Hilfe anbietet. FannyAnn Eddy selbst hat als selbstbewusste und mutige Gay-Aktivistin die Interessen Homosexueller gegenüber Regierungen vertreten. Als Mitglied der Kommission der All Africa Rights Initiative (AARI) und der namibischen Coalition of African Lesbians (CAL) weitete sie ihre Arbeit auch über die Grenzen Sierra Leones hinaus aus. Im Einsatz für die Emanzipation Homosexueller machte sie von allen Mitteln Gebrauch.
Die Situation Homo- und Bisexueller in Sierra Leone und Namibia
Über die dramatische Lage von Homo- und Bisexuellen in Sierra Leone und Afrika im Allgemeinen informierte FannyAnn Eddy die Menschrechtskommission der Vereinten Nationen in Genf im April letzten Jahres. Dabei beschrieb sie ausführlich, unter welchen Umständen Homo- und Bisexuelle in vielen afrikanischen Gesellschaften ein Schattendasein führen müssen und wie sie darunter zu leiden haben.
Besonders starke Angst löst die Willkür der Polizei aus. So wurde beispielsweise in Freetown ein Homosexueller verhaftet und für eine Woche ohne Anklage festgehalten, weil er sich wie eine Frau gekleidet hatte. Erst auf FannyAnn Eddys Intervention hin wurde der junge Mann aus der Haft entlassen. Wäre sie ihm nicht zur Hilfe gekommen, hätte ihn die Polizei auf unbestimmte Zeit festgehalten, wie es bereits in zahlreichen anderen Fällen vorgekommen ist. Fälle wie dieser seien deshalb so häufig, weil es nur wenige gebe, die es wagen, gegen solche Missstände vorzugehen, so FannyAnn Eddy. Aber nicht nur die Polizei, sondern auch Familien und Gemeinschaften müssen viele Schwule und Lesben fürchten. FannyAnn Eddy zufolge seien viele Schwule und Lesben nach ihrem Coming-out davon bedroht, aus ihren Familien verstoßen und enterbt zu werden. Infolgedessen blicke ein Großteil der Verstoßenen einem trostlosen Leben in Armut und Obdachlosigkeit entgegen. Prostitution sei oftmals der letzte Ausweg dem Hungertod zu entgehen.
Sozialer Zwang und Furcht vor Bestrafungen haben zur Folge, dass sich eine große Mehrheit der Schwulen und Lesben für ein Doppelleben entschieden: Einerseits führen sie ein von der Gesellschaft akzeptiertes Eheleben. Andererseits leben sie gleichzeitig ihre Sexualität auch in gleichgeschlechtlichen Affären aus. Nach einer im Dezember 2003 veröffentlichten Studie der „Sierra Leone Lesbian and Gay Association“ und „Health Way Sierra Leone“ hat dieses Verhalten in Verbindung mit einer schlechten sexuellen Aufklärung insbesondere bei Männern und dem weitgehenden Verzicht auf Kondome zur Folge, dass sich HIV/AIDS ungehindert und äußerst schnell verbreiten kann.
Politische Hasstiraden bestimmen die gesellschaftliche Auseinandersetzung Wie FannyAnn Eddy bereits ausdrücklich bei einer Anhörung vor der UN-Menschenrechtskommission beklagt hat, nehmen sich afrikanische Regierungschefs nicht der Probleme, Wünsche und Hoffnungen dieser Randgruppen an, sondern verleugnen deren Existenz und bekämpfen diese bereits in vielen Gesellschaften sehr isoliert lebenden Gruppen durch politische Hasstiraden und öffentliche Diskreditierung.
Oftmals benutzen sie dafür Argumente, die auf Kultur, Tradition, Religion und gesellschaftlichen Normen basieren. Sie vermitteln indirekt die Botschaft, dass Diskriminierung, Gewalt und Erniedrigung gegenüber dieser Gruppe tolerabel seien. Homosexualität sei illegal und kriminell, führte der Justizminister Namibias, Albert Kawana, kürzlich als Argument im Parlament an, als ein Gesetz zum Schutz vor Diskriminierung am Arbeitsplatz aufgrund sexueller Orientierung zur Diskussion stand.
Homosexualität wird in vielen Teilen Afrikas als Krankheit angesehen und ist als europäischer Import verschrien. Dass es in vielen afrikanischen Sprachen aber ein Wort für Homosexualität gibt, wird dabei gerne übersehen. Im Norden Algeriens sind bereits Homosexuelle gesteinigt und in Somalia von Warlords grundlos erschossen worden. Robert Mugabe, Zimbabwes Staatschef, hat Homosexuellen weniger Wert als Schweinen und Hunden zugeschrieben. In Uganda wird ihnen mit Haft und Deportation gedroht.
Namibia – das Schicksal des Telwin Owoseb Telwin Owoseb gestand seiner Familie am Ende seiner Schulzeit, dass er schwul ist. Dieses Bekenntnis löste Entsetzen und Entrüstung innerhalb der Familie aus, weil „ein Mann ein Mann sein soll, heiraten und Kinder kriegen soll“, wie sie ihm mehrfach zu verstehen gaben. Es gehöre sich nicht für einen Afrikaner oder Christen, schwul zu sein, weil es unnatürlich sei. „Homosexuality is an unnatural behavioral disorder, which is alien to African culture", so Helmut Angula, Namibias Agrarminister. Diese Einstellung ist auf die namibische Gesellschaft generell übertragbar, was für Telwin Owoseb zur Folge hatte, dass es für ihn fast unmöglich war, einen Job oder einen Partner zu finden.
Homosexuelle sind in Namibia brutalen „Heilungen“ ausgesetzt. Familien lassen ihre lesbischen Töchter vergewaltigen, Schwulen werden von der Polizei die Ohrringe abgerissen. Ein Regierungsdokument beschreibt die „Heilung“ Homosexueller folgendermaßen: Man müsse ihnen den Kopf aufsägen, um ihr Gehirn mit einer chemischen Lösung reinigen zu können.
Aktivisten sagen, dass der beste Weg zur Regelung der Konflikte und zur Bekämpfung von Vorurteilen „der gute Nachbar“ sei: „You have to take away all the myth, and the best way to do that is just to live and be open", so Ian Swartz, Direktor des Rainbow Projects, einer gay-rights-Organisation, „when all you talk about is sex, you forget there's a person behind that label."
Nach dem Tod von FannyAnn Eddy Scott Long, der Direktor des Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender Rights Project von Human Rights Watch, beschreibt FannyAnn Eddy als „a person of extraordinary bravery and integrity, who literally put her life on the line for human rights”. Aus diesem Grund appellierte Human Rights Watch kürzlich an die Regierung Sierra Leones, die Aufklärung dieses grausamen Mordes mit allen Mitteln zu unterstützen und zu überwachen – denn „silence creates vulnerability“. Ergebnisse liegen allerdings bis heute noch nicht vor.
Quelle: ai - von Stephan Klinkenberg
Namibia
„Namibia duldet keine Homosexuellen, keine Lesben. Die Polizei hat Anweisung, sie festzunehmen, des Landes zu verweisen und zu inhaftieren.“ Das verkündete Namibias Präsident Sam Nujoma am 19. März diesen Jahres vor Studenten in Windhuk. Zuvor hatten Mitglieder seiner Regierung bereits geäußert, Homosexuelle müssten „ausgerottet“ werden. Mit seiner Brandrede löste Nujoma eine Welle von Übergriffen auf Homosexuelle in Namibia aus. Im Mai berichtete die BBC, dass Namibias paramilitärische Einheit SFF (Special Field Force) in Windhuks Stadtteil Katatura Männer allein deshalb festgenommen habe, weil sie Ohrringe trugen und deshalb „verdächtig“ waren. Mitglieder der SFF äußerten gegenüber der Presse, sie handelten auf Anweisung Nujomas. Unter Druck geraten distanzierte sich die Regierung zwar von der Aktion der SFF. Ob Namibias Präsident, der Homosexualität wiederholt als „widernatürlich“ und „gegen Gottes Willen“ bezeichnet hat, sich jedoch dafür einsetzen wird, dass die homosexuellen Bürgerinnen und Bürgern seines Landes zukünftig gleich behandelt werden – wie das die Verfassung vorsieht – darf bezweifelt werden.
Dass solche Reden, die zum Hass aufstacheln, den Weg bereiten für willkürliche Festnahmen und Folter zeigt das Beispiel Uganda. Dort hatte Präsident Yoweri Museveni im September 1999 angekündigt, man werde „Homosexuelle ausfindig machen, verhaften und bestrafen“. Unmittelbar darauf wurden fünf Menschenrechtsaktivisten festgenommen und in einer geheimen Haftanstalt gefoltert. „Sie sagten, wir wollen dir was zeigen“, berichtete Christine (Name geändert), „dann vergewaltigten sie mich. Ich erinnere mich daran, von zwei Männern vergewaltigt worden zu sein, dann verlor ich das Bewusstsein.“ Wochenlang wurden die fünf lesbischen Frauen und schwulen Männer gedemütigt und misshandelt. Als sie schließlich entlassen wurden, flohen sie aus Uganda. „Es wird lange dauern, bis ich die Folter vergessen haben werde“, sagte Rodney (Name geändert) gegenüber amnesty international. „Aber ich hoffe, dass ich eines Tages nach Uganda zurückkehren und ein Zentrum für Lesben und Schwule aufbauen kann – ohne Angst.“
Quelle: amnesty.de - von Wera Reusch
Simbabwe
Im Reich von Robert Mugabe werden Lesben wie Ska Ngwenya wie Staatsfeinde verfolgt.
Ska Ngwenya, 25, Simbabwe, Frauenrechtlerin: „Ich wollte endlich laut sagen, was ich bin: schwarz, lesbisch und stolz. Genau das habe ich getan - im Oktober 1999 bei einer Anhörung im Parlament von Simbabwe. Nach meinem Outing war mein Gesicht in allen Zeitungen und auf allen Kanälen. Die Leute zeigten mit dem Finger auf mich. Ich wurde verfolgt, bedroht, attackiert. Meine Familie verstieß mich. Und ich verlor meine Position als Linksaußen im Frauenfußballnationalteam. Ich traute mich kaum mehr auf die Straße, schon gar nicht allein. Einmal griffen mich zwei junge Männer an. Ich konnte wegrennen, verlor aber meine Papiere und einen Schuh.
Als ich bei der Polizei um Hilfe bat, sagten sie nur: Werd eine normale Frau, heirate und krieg Kinder, dann hast du auch keine Probleme mehr. Oh my God! Als mir dann ein Geheimdienstler sein Gewehr unter die Nase hielt, wusste ich, es ist Zeit, meine Haut zu retten. Also bin ich abgehauen. Unter dem Regime von Präsident Mugabe werden wir Homosexuellen wie Staatsfeinde verfolgt, und es wird so getan, als existierten wir nicht. Ich bin der lebende Beweis dafür, dass das nicht stimmt.“
Seit Januar 2001 lebt Ska in einem Flüchtlingslager bei Köln. In Deutschland hat sie politisches Asyl wegen sexueller Verfolgung beantragt. Die Ausländerbehörde gewährt ihr nur eine Aufenthaltsbefugnis — bis sich die politischen Verhältnisse in Simbabwe ändern.
Quelle: greenpeace-magazin.de - von ANDREA HÖSCH